Henning flieht vor dem Vergessen

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Röder, Hilda

Henning flieht vor dem Vergessen


Amsterdam, im Frühsommer 2009. Henning Landes, ein 68-jähriger lebensfroher Niederländer, erhält die Diagnose Alzheimer....


Siehe auch das Video: Frau Röder liest aus ihrem aktuellen Buch LINK


Preis 12,80inkl. ges. MwSt.
ISBN 978-3-938295-74-8
Bestell-Nr. 95-74
Gewicht 718 g
Sachgruppe Belletristik
Einband Hardcover
Sprache Deutsch
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Weitere Informationen

Amsterdam, im Frühsommer 2009. Henning Landes, ein 68-jähriger lebensfroher Niederländer, erhält die Diagnose Alzheimer. Er hat wahnsinnige Angst seine Würde zu verlieren und als entseelter Mensch zu Tode gepflegt zu werden. Trotz liebevoller Zusicherung seiner Familie, sich um ihn zu kümmern und nicht in ein Heim abgeschoben zu werden, will er die Krankheit nicht akzeptieren. Selbstbestimmt im Leben will er auch selbstbestimmt sterben und versucht, eine vom Hausarzt begleitete Sterbehilfe zu erwirken. Diese muss jedoch, nach einer Sondergenehmigung der niederländischen Euthanasie-Kontroll-Kommission, sehr bald erfolgen. In Rückblicken auf sein Leben und getragen von den Erinnerungen, versucht er sich zu entscheiden für oder gegen einen Freitod.

 

Rezensionen


Gedanken machen. Jetzt., 23. Juli 2014

Von Ratina

„Henning flieht vor dem Vergessen“ von Hilda Röder – ein Buch, zu dem ich mehr schreiben werde, als nur die üblichen Pro- und Contra-Punkte, warum es mir gefallen oder nicht gefallen hat.
Um die Inhaltsangabe komme ich aber dennoch nicht herum: Henning ist ein stabiler Endsechziger mit einer wunderbaren Familie, ihm fehlt nichts, er hat Spaß am Leben, nur die Vergesslichkeit, die stört. Als er damit schließlich zum Arzt geht, gibt es die Diagnose Alzheimer. Für Henning ist das der Worst Case, seine größte Angst ist der Verlust der eigenen Würde. Also beschließt er, zu sterben. In Holland ist dies sogar möglich, er kann einen Antrag auf begleitete Sterbehilfe stellen, über den eine Ethikkommission entscheidet. Schließlich ist der da, der Bescheid, Hennig darf sterben – aber will er das wirklich? Er muss es bald tun, solange er noch bei klarem Verstand ist, das ist die Bedingung.
Ich will nicht verraten, wie Henning sich entscheidet, aber dass die Entscheidung schwer ist, kann sich an dieser Stelle wohl jeder denken.
Sterben müssen wir alle. Der eine schnell, der andere langsam. Mit vorheriger „Ankündigung“ durch Krankheit oder völlig aus heiterem Himmel wie bei einem Unfall. Aber rational und geplant, in einem Zustand von noch fast völliger Gesundheit, das ist selten und erst einmal befremdlich.
Viele Tode sind elend. Manchmal, weil die Krankheit elend ist und mit Leid einhergeht, manchmal aber auch, weil der Patient nicht vorgesorgt hat, keine Patientenverfügung mitbringt und unter Maximaltherapie dahinsiecht. Henning soll das nicht passieren, Henning macht sich Gedanken, auch wenn die vor allem für seine Familie schwer zu ertragen sind. Die Bereitschaft, ihn zu pflegen, ist ja durchaus vorhanden, aber seine Furcht vor dem Verlust der Würde ist zu groß, als dass er das annehmen könnte.
Nun die Frage: ist das allein seine Entscheidung? Darf er seiner Familie den Vater, den Opa, den Mann nehmen? Hat die Familie ein Anrecht mitzuentscheiden?
Denn ja, Alzheimer und überhaupt Demenzen sind ohne Frage Mist. Der Mensch verändert sich, wird manchmal unausstehlich, meistens inkontinent und im Endstadium macht es manchmal den Anschein, als sei niemand mehr zu Hause. Alzheimer ist ein langer Abschied auf Raten. Aber macht es das nicht am Ende leichter? Leichter vielleicht als der Schlaganfall an der ungünstigen Stelle, der innerhalb von wenigen Tagen tötet und ohne Vorwarnung kam, mit sofortigem Bewusstseinsverlust und ohne Möglichkeit, sich zu verabschieden? Ich hab keine Antwort darauf.
Das Buch hier auch nicht. Dankenswerterweise wird auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet, die Autorin hält sich mit ihrer Meinung hinter dem Berg und erzählt ohne großes Tränendrüsengedrücke Hennings Weg zur Entscheidungsfindung. Was nicht heißen soll, dass die Geschichte trocken oder zu sachlich daherkommt. Nur eben nicht unnötig sentimental.
Ein gelungenes Buch zum Thema Sterbehilfe also, das nicht mit Antworten kommt, die es vielleicht sowieso nicht gibt. Zumindest nicht allgemeingültig. Was dieses Buch aber bietet, ist der Anreiz, sich mit dem Thema Tod und Sterben und der Frage nach der eigenen Würde auseinanderzusetzen. Und auch damit, ob man selbst über sein Abtreten entscheiden sollen darf.
Ich kann nicht alle Fragen, die sich anhand Hennings Geschichte aufwerfen, in dieser Rezension nochmal wiederholen – vermutlich stellt sich sowieso jeder andere.
Was ich mir wünsche, das wünsche ich mir an dieser Stelle als Medizinerin. Leute, macht euch Gedanken. Über das Lebensende, über Organspende und Patientenverfügungen. Das Leben kann schneller vorbei sein, als einem lieb ist. Ein Patient kommt mit etwas, das nach Nasennebenhöhlenentzündung klingt, und geht mit der Diagnose tödlicher Hirntumor. Die bereits erwähnte Schlaganfallpatientin, über deren Bett sich die Angehörigen stritten, ob man sie nicht doch noch der Neurochirurgie zuführen sollte.
Nicht jeden Fall kann man durch eine Patientenverfügung oder einen Organspendeausweis regeln, es macht den Abschied auch nicht schöner, aber es erleichtert vielleicht bestimmte Entscheidungen. Sicherlich könnte ich jetzt auch noch sehr viel mehr erzählen, aber ich lass es jetzt mal gut sein. Man lese einfach dieses Buch. Und mache sich seine Gedanken


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